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Doch w\u00e4hrend das erste Bild der Erde seine gesamte Wirkung sofort entfachen konnte und die Einheit des gesamten Biosystems Erde beim<br \/>\nBetrachten mit einem Mal bewusst wurde, beobachten wir bei Google Earth das umgekehrte Ph\u00e4nomen. Das kleine Bild dieses Globus auf unserem Bildschirm verschleiert die Ungeheuerlichkeit, dass das Programm einen gro\u00dfen Teil der Vielfalt hinter der Einheit am Ende aller Zoomstufen abbilden kann.<br \/>\nAlles, was menschliche Geschichte (mit Ausnahme der bemannten und unbemannten Raumfahrt) war, fand auf diesem Globus statt, und beinahe alles, was momentan auf diesem Globus einen materiellen Abdruck bestimmter Gr\u00f6\u00dfe hinterl\u00e4sst, ist \u2013 sofern es von einem Satelliten und seinem Zoom erfasst werden kann \u2013 auch auf Google Earth.<\/p>\n<p>Wie kaum ein anderes Medium erlaubt es uns den Blick auf die Welt, der vormals den G\u00f6ttern vorbehalten schien, ein Umstand, der die Gruppe The Glue Society zu ihrem Werk GOD\u00b4S EYE VIEW inspirierte, bei dem sie vier biblische Momente als Satellitenaufnahme in der \u00c4sthetik von Google Earth darstellten: Den Garten Eden, die Arche Noah, Moses\u00b4s Teilung des Roten Meeres, die Kreuzigung von Jesus Christus. Doch der Blick von oben ist ein tr\u00fcgerischer; er erinnert an jenen entr\u00fcckten Blick vom damals noch stehenden World Trade Center, den Michel de Certeau in seiner \u201eKunst des Handelns\u201c beschrieb: \u201eWer dort hinaufsteigt, verl\u00e4sst die Masse, die jede Identit\u00e4t von Produzenten oder Zuschauern mit sich fortrei\u00dft und verwischt. Als Ikarus dort oben \u00fcber diesen Wassern kann er die Listen des Daedalus in jenen beweglichen und endlosen Labyrinthen vergessen. Seine erh\u00f6hte Stellung macht ihn zu einem Voyeur. Sie verschafft ihm Distanz. Sie verwandelt die Welt, die einen behexte und von der man \u201ebesessen\u201c war, in einen Text, den man vor sich unter den Augen hat. Sie erlaubt es, diesen Text zu lesen, ein Sonnenauge oder Blick eines Gottes zu sein. Der \u00dcberschwang eines skopischen oder gnostischen Triebes. Ausschlie\u00dflich dieser Blickpunkt zu sein, das ist die Fiktion des Wissens.\u201c (Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Merve Verlag, S.180)<\/p>\n<p>Medeis eisito ageometrikos. \u201eEs trete niemand hier ein, der nicht der Geometrie kundig ist.\u201c soll der Leitspruch am Eingang von Platons Akademie gelautet haben, und mit dem Wissen der Geometer im platonischen Sinne k\u00f6nnen wir die Muster zu entziffern versuchen, die sich vor unseren Augen auftun.<br \/>\nWir schauen auf China und sehen im welthistorischen Moment des Highspeed-Urbanismus die gr\u00f6\u00dfte und schnellste Transformation von Millionen von agrarisch geschulten Landbewohnern zu in Fabriken arbeitenden St\u00e4dtern im Namen des Staatsinteresses, und die bedingungslose Adaption von Formen der Avantgarde der Architektur und des St\u00e4dtebaus des 20. Jahrhunderts ohne ihren vormals gesellschaftskritischen Inhalt. Bereits aus der Ferne sehen wir Dubais enorme Anstrengungen, um die Frage \u201eGibt es ein Leben nach dem Erd\u00f6l?\u201c mit einem lauten touristenfreundlichen \u201eJa\u201c beantworten zu k\u00f6nnen. Inseln und Halbinseln entstehen in den \u201esympathischen\u201c Formen von \u201ePalmen\u201c und der \u201eWelt\u201c nach einer, unter streng kapitalistischen Gesichtspunkten, wohl \u00fcberzeugenden Logik, dass wenn die profitabelste Lage f\u00fcr eine Immobile die K\u00fcstenlage ist, der maximale Profit im Grunde am schl\u00fcssigsten durch eine radikale Vervielfachung der K\u00fcstenlinie zu erreichen ist. Das wie von Kinderhand Gezeichnete ihrer Umrisslinie verschleiert jedoch das eigentlich Radikale dieser k\u00fcnstlichen Inseln &#8211; n\u00e4mlich ihren Status als rechtsfreie Zonen aufgrund ihrer Extraterritorialit\u00e4t.<br \/>\nWie der Fotograf Alex McLean k\u00f6nnen wir \u00fcber die Konstruktion der amerikanischen Landschaft fliegen, \u00fcber den ewig gleichen und nicht mehr enden wollenden Vorortteppich der amerikanischen St\u00e4dte, bis alles nur noch vor einem Ort zu sein scheint, den es nie gab. Aus den Gated Communities ist ein globales sozial-r\u00e4umliches Exportprodukt geworden, und das \u201eEinschlie\u00dfen und Besch\u00fctzen\u201c hat neben dem \u201eAusschlie\u00dfen und Aufheben der Rechte\u201c der weltweiten Auffang-, Zwischen- und Fl\u00fcchtlingslager die alte r\u00f6mische Regel des \u201edivide et impera \u201e (teile und herrsche) als Technologie der Macht ersetzt. Das Modell des Archipels (die miteinander verbundenen Inseln) und jenes der Enklave (die von allen anderen isolierte Insel) hat der Urbanist Alessandro Petti als (bis jetzt) letzte Konsequenz einer auf dem Paradigma der Sicherheit und \u00dcberwachung basierenden Raumordnung wahrgenommen. (siehe Alessandro Petti. Arcipelaghi e enclave. Architettura dell\u00b4ordinamento spaziale. Bruno Mondadori 2007)<br \/>\nIn den Agglomerationen S\u00fcdamerikas, Afrikas und Teilen Asiens sehen wir, neben und zwischen den st\u00e4dtischen Ordnungssystemen, die noch als Erbe der Kolonialisierungen gelten k\u00f6nnen, das massenhafte Auftauchen der r\u00e4umlichen Manifestationen des Informellen, und in der apokalyptischen Beschreibung der Megast\u00e4dte des 21. Jahrhunderts von Mike Davies in seinem \u201ePlanet of Slums\u201c sind die St\u00e4dte der Zukunft nicht die Tr\u00e4ume der Urbanisten aus Glas und Stahl, sondern das r\u00e4umliche Konstrukt der mehr als 1 Milliarde Slumbewohner, die in ihren windschiefen Blech- und Kartonh\u00fctten mit Neid zur\u00fcckblicken m\u00fcssen auf den Lebenskomfort in den Lehmh\u00e4usern im antiken Catal Huyuk in Anatolien \u2013 erbaut vor 9000 Jahren.<br \/>\nVon hier oben sehen wir also die \u201eZementierungen\u201c von Macht, die materiellen Manifestationen von Produktionsverh\u00e4ltnissen, die eingeschrieben kulturellen Spuren und Konstruktionen von Landschaft, doch oft erkennen wir das Wesentliche \u2013 nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir uns festklammern am Suchen nach altbekannten Formen entdecken wir im Meer der totalen Urbanisierung nur noch als kleine Insel das, was wir einstmals Stadt genannt haben \u2013 die \u201eKonfrontation mit dem verwandelten Bild der uns bewohnten St\u00e4dte hat die Euphorie \u00fcber die technische Errungenschaft der Satellitenfotos unversehens in ein erkenntnistheoretisches Trauma umschlagen lassen\u201c, wie Stefano Boeri in seinem Essay \u201eEklektische Atlanten\u201c schreibt. Wir m\u00fcssen neue Namen erfinden, f\u00fcr das, was sich vor und zwischen den alten Stadtstrukturen Europas ausgebreitet hat, was sich in sie hineingefressen hat und von innen aush\u00f6hlt. Die Welt ist eine andere geworden, auch dort, wo sie ihre urspr\u00fcngliche Form behielt. In den Erscheinungen des Chaos der Urbanisierung des 20. Jahrhunderts glauben wir wie einem Rorschachtest Muster und Formen zu erkennen, die mehr \u00fcber uns aussagen, als \u00fcber das, was wir wirklich vor unseren Augen haben.<br \/>\nWas sich nicht langfristig Einschreiben kann in den Raum, entgeht unserem Blick, und so bleiben wir blind gegen\u00fcber dem Wechsel der Software in der Hardware unserer stadt\u00e4umlichen Strukturen. Kein zenitaler Blick auf die abstrakte Geometrie Neapels entschl\u00fcsselt uns die Umnutzungen und tempor\u00e4ren Schichtungen des Raumes auf der Grundlage der \u00d6konomie der Camorra, das Wechselspiel von Raum und Sozialem und die \u00dcberlagerungen der Fiktion des Kinos mit der Theatralit\u00e4t des Alltags, wie sie uns Roberto Saviano in \u201eGomorrha\u201c beschreibt. Der Backstage-Bereich der Tourismusindustrie bleibt uns ebenso verborgen wie die stetig wechselnden Notunterk\u00fcnfte der Wanderarbeiter, mit deren H\u00e4nden Dubais r\u00e4umliche Performanz entsteht, wie die Korridore des Stra\u00dfenstrichs, die die sich kontinuierlich verschiebenden Grenzzonen begleiten, und der sich stetig wechselnde und bewegende Eventraum von Konzerten und Raves. Die Intelligenz der Transformationen, Nischenbildungen und Umkodierungen des Raumes durch den neuen Blick der Migranten \u00fcbersehen wir ebenso, wie uns deren tragischer Tod entgeht auf dem riesigen Friedhof, zu dem das Mittelmeer mit seiner Unzahl von gekenterten Fl\u00fcchtlingsbooten geworden ist. All das Ephemere, Tempor\u00e4re, Informelle, aus der Selbstorganisation Gewachsene und sich nicht im gro\u00dfen Ma\u00dfstab materiell Manifestierende entzieht sich dem Verst\u00e4ndnis und der Philosophie des Blickes aus der Distanz.<br \/>\nUm zu be-greifen und ver-stehen, m\u00fcssen wir H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe bekommen, und eintauchen wie der Engel Damiel in Wim Wenders \u201eHimmel \u00fcber Berlin\u201c in das Labyrinth der Welt.<br \/>\n\u201eEs geht nicht darum, Automobilsoziologie oder \u2013psychologie zu betreiben. Es geht darum zu fahren, um mehr \u00fcber diese Gesellschaft als durch alle wissenschaftlichen Disziplinen zu erfahren.\u201c, schrieb Jean Baudrillard, kaufte sich ein Auto und machte sich auf zur Entdeckung Amerikas. (Jean Baudrillard. Amerika. Mathes+Seitz, S.78)<br \/>\nAls raum&amp;designstrategien die Transformation des neuen Europas begreifen wollte, mietete es ein altes Steintransportschiff, verwandelte es in eine fahrende Universit\u00e4t und fuhr die Route66 Europas, die Donau, hinab zum Schwarzen Meer. Es waren nicht nur die eigenen Mental Maps, die ersetzt werden sollten auf dieser Reise, und es war der zu durchfahrende Raum, der Lehrmeister werden konnte und sollte f\u00fcr neue spezifische Werkzeuge, Strategien und Taktiken zum Verst\u00e4ndnis einer sich in Ver\u00e4nderung begreifenden Welt. \u201eDer Raum ist kein Gegenstand, er ist eine soziale Form\u201c (Henri Lefebvre). Die von der Satellitenperspektive unsichtbaren Wesensz\u00fcge der Wirklichkeit sind eingeschrieben in den Praktiken des Alltags, im kulturell spezifischen Umgang und der Wahrnehmung der Potentiale des ein und desselben Raumes, in den das jeweilige Verhalten im \u00f6ffentlichen Raum definierenden Codes, ohne deren Kenntnis wir immer \u201elost in translation\u201c bleiben werden.<br \/>\nDem Studium des etablierten Wissens der diversen Disziplinen wird eine \u201etheory through praxis\u201c zur Seite gestellt, bei der das Experiment der einzig m\u00f6gliche Schritt zur Erfahrung der neuen Bedingungen der zeitgen\u00f6ssischen Raumes scheint, da es noch keine Gebrauchsanweisung f\u00fcr ihn gibt.<br \/>\nVon den R\u00e4ndern her entwickelt sich ein neuer Diskurs, die Emergenz einer neuen Praxis, die sich aus den Erfahrungen der kulturellen Strategien und Taktiken einer metropolitanen Kultur zur Transformation der Wahrnehmung und des Handelns (z.B. vom Dadaismus \u00fcber Situationismus zu Punk, Hacking und Cultural Jamming, um nur einen Strang des Stammbaums zu nennen) ebenso n\u00e4hrt wie aus den Errungenschaften der \u201eBastler in der W\u00fcste\u201c, den Protagonisten der kalifonischen Counterculture, und deren Fokus auf Werkzeuge. In der Vorwegnahme der Tatsache, dass das Mies van der Rohe\u00b4sche Diktum \u201eLess is more\u201c weniger als \u00e4sthetisches Programm als das Paradigma unser gesamten technischen Revolution mit ihrer kontinuierlichen Verkleinerung und Potenzierung unserer elektronischen Ger\u00e4te erfolgreich werden w\u00fcrde, konzentrierten sie sich auf M\u00f6glichkeiten, Individuen mit kleinen Werkzeugen und Wissen zur Ver\u00e4nderung der Welt auszustatten.<br \/>\nNeben dem Siegeszug von Ipods, Handys, Netbooks erkennen wir aber sp\u00e4testens seit 9\/11 an den Low-Tech-Produkten wie Tapetenmessern, Fl\u00fcssigkeitsbeh\u00e4ltern, Drahtkn\u00e4ueln, Rucks\u00e4cken, die mit ihrem \u201eDrohpotential\u201c unsere Paranoia befl\u00fcgeln, dass das \u201eDing\u201c wieder neben Strategie und Taktik in den sozialpolitischen Diskurs zur\u00fcckgekehrt ist. (siehe dazu auch: Stephan Tr\u00fcby: EXIT-Architektur. Design zwischen Krieg und Frieden, Springer Wien New York 2008, S.99)<br \/>\nZwischen Experiment und den neuen Strategien zur Erfahrung des zeitgen\u00f6ssischen Raumes hinterlassen wir Spur um Spur im Materiellen, welche die \u201eAugen der G\u00f6tter\u201c zwar sehen, aber nicht begreifen k\u00f6nnen. Denn in einer Neuinterpretation des alten lateinischen Sprichworts liegt vielleicht der Schl\u00fcssel zu unserem Privileg: Errare humanum est \u2013 (Umher)irren ist menschlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Steward Brand, der sp\u00e4ter als Initiator und Herausgeber des \u201eWhole Earth Catalogue\u201c nicht nur in der amerikanischen Gegenkultur zu gro\u00dfer Ber\u00fchmtheit gelangte (Steve Jobs bezeichnete den Katalog als \u201eBibel seiner Generation\u201c und Vorl\u00e4ufer von Google im Paperback-Format), im Jahre 1966 Ansteck-Buttons mit der Aufschrift: \u201eWhy haven\u2018t we seen a photograph of the whole Earth [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[32],"tags":[99],"class_list":["post-4376","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte","tag-text"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4376","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4376"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4376\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22035,"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4376\/revisions\/22035"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4376"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4376"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/feld72.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4376"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}